Von:Kurt Josef Wecker, Pfarrer
Diese Welt ist zum Weinen. Wie soll das nur mit ihr weitergehen? Wie soll das alles enden? Bilder von Krieg und Zerstörung, von Tod und Trümmerlandschaften liegen uns vor Augen. Am liebsten würde man gar nicht mehr die täglichen Nachrichten an sich heranlassen, die Augen und Jalousien schließen und so tun, als gäbe es diesen Weltzustand gar nicht. Können wir trotzdem den Ostersieg, den goldenen Himmel Gottes feiern in dieser Zeit? Oder ist Gott an mir, an uns Menschen gescheitert, an der Menschenlust an Gewalt und Habgier, an todsicheren Aktionen, an der Enttabuisierung der Kriege, der Zerstörungswut und dem Vergeltungswillen? Ist Ostern schon so lange her, dass es gar nicht mehr wahr ist? Die Welt hängt am seidenen Faden der Botschaft, die uns Ostern verheißt. Nur die Wahrheit von Ostern, allein der liebende Blick Gottes auf diese Welt kann uns retten. Wir wünschen uns, dass das wahr ist, was wir da feiern. „Ob es etwas die Welt Übersteigendes gibt“? So fragte die französische Christin Madeleine Delbrel.
Wir brauchen verwegene Hoffnungsbilder, die uns im guten Sinne ablenken vom Grauenvollen und Brutalen, von der alltäglichen Gewaltanschauung. Lebensnotwendig benötigen wir Ostern, die Verheißung des rettenden Auswegs, damit uns die Sehnsucht nach der Berührung durch Jesus Christus und der Vollendung unseres Lebens nicht verloren geht.
Tief greifen wir zurück in die Vergangenheit, stellen uns einem farbenfrohen Bild, das mehr als 800 Jahre alt ist; ein altes Bild über ein immer neues Mysterium. Im sog. Bamberger Psalter (1230/40), einer spätromanischen Buchmalerei, einer illuminierten Handschrift aus einer unbekannten Klosterwerkstatt, tritt uns in einer hochrechteckigen Miniatur der Auferstandene entgegen. Vor diesem Bild wollen wir nicht schaulustig stehenbleiben, sondern in es hineingeraten, angelockt werden vom Goldglanz und der Anziehungskraft des Auferstandenen. Wer zieht den Vorhang fort, damit wir hineinfinden in ein unvorstellbares Geschehen? Darf man dem Osterwunder so nahe treten? Dürfen wir sehen, was eigentlich nicht zu sehen ist - diesen – paradox - unsichtbaren Augenblick göttlichen Handelns? Mit den Augen dürfen wir, wie die Mönche, für deren Psalmengesang die illustrierte Handschrift bestimmt war, das Unfassbare berühren. Wir sehen ein „Ereignisbild“, ein Geschehen, das nicht für unsere Augen bestimmt ist und keinen Augenzeugen kennt. Die Auferweckung des gekreuzigten Jesus geschieht tief verborgen unter dem Schleier des Wirkens Gottes. Es ist kühn, das weltbewegende Ereignis des Ostermorgens in eine Miniatur zu pressen. Kann der Auferstandene, der sich menschlichen Pinselstrichen entzieht und der alle Rahmen sprengt, in ein solches Bild eingehen? Die Überbelichtung der österlichen Lichtsekunde kann man sich nicht ausmalen. Diejenigen, die den Vorgang als Hervor-Gang Jesu aus dem Grab trotzdem darzustellen wagen, tun etwas Fragwürdiges. Sie tun so, als wüssten sie Genaueres, besäßen Geheimwissen, auch wenn niemand im Morgengrauen des Ursonntags dabei war. Zu Ostern kommen wir alle zu spät. In aller Herrgottsfrühe, als gerade die Sonne aufgegangen war, da geschah die Zeitenwende, ohne uns und gerade darum: für uns. Unser Bild zeigt Verborgenes. Irgendwann wird ab dem 12. Jahrhundert in der westlichen Malkunst der Schleier des verhüllten Wunders gelüftet und das Schauverlangen der Gläubigen befriedigt. Welche lautlose Explosion von Gottesenergie im Grab wurde ‚am dritten Tag‘ nach dem 7. April des Jahres 30 in Jerusalem freigesetzt? Ist solche Neugier verwerflich? Das menschliche Sehbedürfnis nach dem ‚Spektakel‘ verlangt also nach ‚mehr‘. Auferstehung wird nun in der Buchmalerei zur Anschauung gebracht. Gläubige möchten ihren Christus sehen, so wie man zu dieser Zeit begann, angestrengt und ehrfürchtig auf die vom Priester während der Messe erhobene Hostie zu blicken. Anfang des 13. Jahrhunderts - das ist die Zeit der Staufer, der Kreuzzüge; erst seit dieser Epoche wird der Auferstandene in der Kunst so unübersehbar dargestellt, denn bis ins 12. Jahrhundert war ein verhaltenes Motiv, der Besuch der Salbfrauen am offenen Grab, die „visitatio sepulchri“ und die Begegnung dieser Frauen mit dem Botenengel das klassische Osterbild. Das erste Jahrtausend erfüllte das Bilderverbot: Du sollst dir kein Bild vom Unvorstellbaren machen. Du sollst das Mysterium nur andeuten! Doch auf unserer diesjährigen Darstellung wird die respektvolle und diskrete Zurückhaltung aufgegeben. An die Stelle einer scheuen und quasi „negativen Oster-Theologie“ tritt die Darstellung des auferweckten Christus im Augenblick seines Ausstiegs aus der Todeswelt.
Die Auferweckung des Gekreuzigten ist geschehen. Unverhofft. Unerwartet. Unberechenbar. Der offene Sarkophag liegt längs im Bild. Es wird zur Leerstelle. Christus ist so frei, steht auf zum Leben, setzt sich in Szene, stellt seine Seitenwunde zur Schau, entkommt dem Ort des Todes, dem „Fleischfresser“ – das heißt Sarkophag - und tritt uns Betrachtern entgegen. So sieht ein Triumph aus. Die Pose des siegreich Auferstandenen. Er ist derjenige, „der aus der Tiefe als Sieger emporstieg“, wie wir im Oster-Exsultet singen. Der österliche Herr ist nicht zu halten und wird es eilig haben – zu uns zu kommen. Die Ganzfigur des lebendigen, gegenwärtigen Christus auf der Mittelachse der Darstellung, mit dem Armgestus einer segnenden Selbstoffenbarung. Wir Betrachter erleben das „unverhoffte Wiedersehen“ mit dem, den man versuchte, zur Strecke zu bringen und in den Todeskasten wegzuschließen. Das Antlitz des bärtigen Christus trägt auffallend rote Flecken auf den Wangen. Sein langes Haar ist mittig gescheitelt; ein kanonisches Christusantlitz. Trotz der angedeuteten Seitenwunde (Joh 19,34) und des Kreuznimbus um sein Haupt ist dieser Christus kein Schmerzensmann, der mühsam aus dem Grabeskasten herausklettert. Der Christus-Victor steht auf, unternimmt den großen Schritt ins Freie, er lässt das ‚Gehäuse‘ des Todes mühelos hinter sich; auch das Leichentuch bleibt zurück. Wir erblicken nicht den nackten Christus. Völlig nackt, so hat sich Michelangelo den Auferstanden vorgestellt (in Roms Kirche Santa Maria sopra Minerva), als der „neue Adam“ wie der nackte, alte Adam vor dem Sündenfall. Die mittelalterlichen Maler sehen den Auferweckten anders. Majestätisch ist er eingekleidet. Der Maler entscheidet sich für eine überreiche faltenreiche Draperie. Das purpurfarbene Untergewand und der blaue Umhang mit dem grünen Unterstoff fallen über den Rand des Sarkophags. Wer hat den eben noch im Grabtuch Eingewickelten so umhüllt? Der göttliche Vater hat den auferweckten Sohn quasi neu eingekleidet. Wir erkennen bei der Darstellung des Obergewandes die Einflüsse des „Zackenstils“, eines Übergangsstils zwischen Romanik und Gotik, wie auch auf den Fresken der Maiestas Domini in Pfarrkirche St. Johannes Baptist in Nideggen. Der Grabdeckel ist verschwunden. „Das Grab ist leer, der Held erwacht“, so lautet die österliche Siegesmeldung in dem triumphalen Lied von 1777. Der Auferstandene sprengt den Rahmen, den Ornamentrahmen. Die Dynamik der Darstellung lässt den Osterwind ahnen, der seit dem Auferstehungsmorgen durch die Welt weht. Jesu Linke umfasst das Siegeszeichen, den Kreuzstab, das Vexillum; die Fahne weht im Osterwind über die Begrenzung der Rahmens hinweg. Der Kreuzstab dient Christus nicht als Stütze. Der Golgothafelsen und die Grabeshöhlen sind verschwunden. Der Bildhintergrund ist golden, Osterglanz, Himmelsmacht strahlt auf. Unfassbares ist geschehen. Es ist der Tag den allein Gott gemacht hat. Diesem Bild können wir nur staunend begegnen, weil Ostern das Menschenmögliche sprengt. Wir ahnen: Jesu Ausstieg aus dem Grab ist keine Rückkehr ins Diesseits, sondern sein Transitus, Pascha, der Übergang des Erhöhten in Gottes Geheimnis.
Zwergenhaft und harmlos wirken die behelmten Wächter in der vorderen Reihe (Mt 27,64-66), „wie tot“ (Mt 28,4) fallen sie zu Boden. Nur Matthäus berichtet von der Bewachung und Versiegelung des Grabes. Der waffenlose Christus lässt die Krieger wie Pagen und Puppen aussehen. Der Bamberger Malerschule ist die Raumlogik unwichtig; sie verzichtet auch auf alle Naturalistik. Die Machtverhältnisse sind umgekehrt. Der Corpus Christi wirkt riesenhaft. Ostern wächst Christus über sich hinaus. Die Kunstwissenschaft spricht von der „Bedeutungsgröße“ Christi, vor dem die Wächter an der Vorderfront des Kastensarges wie Winzlinge wirken. Auch der Sarkophag wirkt verkürzt, gegenüber der Körpergröße des Auferstehenden. Die Wächter der alten Ordnung sind ‚ganz unten‘. Die Passivität des schlafenden oder ohnmächtig erstarrten Wachpersonals soll uns Betrachter zum ‚Osterlachen‘ bringen. Die Widersacher Jesu sind zur Passivität verurteilt. Die ‚Welt‘ verschläft oder verkennt seine Auferweckung. Trotz ihrer mittelalterlichen Rüstung mit ihren Kettenhemden sind die Wachen machtlos. Das Gewaltmonopol der kriegerischen Welt ist gebrochen; die alte Ordnung gerät durcheinander. Ostern ist ein verrücktes, alles verrückendes Fest. Das Opfer ist der Sieger. Christus-Sieger hat seinen rechten Fuß bereits über die Kante des Sarkophags gehoben, nahe am linken aufgeschreckten Wächter. Der Herr steht über seinen Feinden, ja, er tritt auf sie. „Calcatio“, Fußtritt nennt man diese Siegerpose (Ps 91,13), mit der Christus auf den behelmten Kopf des linken Wächters tritt. Der mittlere Wächter neigt den Kopf nach vorne. Der dritte Kriegsknecht wird durch den Zipfel des wehenden Mantels Christi geweckt, aufgeschreckt. Was geschieht hier? Dieser Wächter hatte mit allem gerechnet, auch mit dem Leichenraub; aber mit so etwas?! Das Geschehen vor Goldhintergrund ist überirdisch. Darum kann die Grabhöhle fehlen; auf Landschaftsdetails wird verzichtet; wir sehen nur die offene und nun leere Tumba. Kein Engel, keine ‚fremde Hilfe‘, die Jesus bei seinem Ausstieg aus der Grabkiste unterstützt, noch keine Salbfrauen. ER kann es allein. ER feiert Selbstoffenbarung. Um aufzuerstehen, dazu braucht Jesus auch keine Kirche, keine Menschenmacht. Unser Glaube, unsere Aktivitäten machen ihn nicht lebendig. Ostern ist kein vorübergehendes Flow-Gefühl im Frühling, auch nicht eine fromme kirchliche Veranstaltung. Es ist Sein Fest. Er steht über Grab und den Mächten dieser Welt. Es ist Erscheinung des Herrn! Souverän lässt er die Todeswelt hinter sich. Kaum zu glauben, dass dieser agile Christus der Gekreuzigte war. Die drei Wächter sollten Hüter der „Verschlusssache“ Jesu sein. Sie sind zwar nahe dabei, doch sie werden keine Zeugen, keine Glaubende. Für sie bleibt Ostern folgenlos, nur verstörend. Anders als der heidnische Hauptmann unter dem Kreuz werden sie keine Gläubigen. Nur ein liebender Mensch kann Auferstehung glauben.
Wie werden wir Resonanz geben auf diese Geschehen? Vielleicht nur mit einem erschrockenen oder erstaunten „O mein Gott!“? Das Bild stößt uns auf Christus. Von ihm, dem Grund unserer Hoffnung dürfen wir nicht absehen, wenn wir Ostern feiern und „Pilger der Hoffnung“ bleiben wollen. Christusglaube ist Auferstehungsglaube; alles andere wäre zu wenig. Wir wollen Ostern nicht verschlafen wie die Wächter, die sich nicht verwandeln lassen; sonst würde uns der Lebensnotwendige entgehen. Er ist uns näher als wir denken. Er ist der, der uns nie aus dem Auge verliert. Wie soll das nur mit der Welt und mit uns weitergehen? Und wie soll das alles enden? Auf diese kinderschweren Fragen können wir nur im Blick auf den entgegenkommenden Christus antworten. Längst ist er bei uns angekommen. Wir wollen Gott Dankeschön sagen für dieses Fest, dass er uns zu Ostern bereitet, auch wenn er es unserem Glauben schwer macht, auch wenn wir im Blick auf diese Welt nur ‚trotzdem‘ glauben, auch wenn dieses unglaubliche Ereignis uns völlig überrascht.
Gesegnete Ostern wünscht Ihnen und Euch
Ihr
Kurt Josef Wecker, Pfarrer