„Die katholischen Ostkirchen“

Kerzen (c) www.pixabay.com
Kerzen
Datum:
Fr. 29. Mai 2026
Von:
Roman Horodetskyy, Pfarrer
Himmel auf Erden – Die Liturgie der katholischen Ostkirchen Am Beispiel des byzantinischen Ritus
Wenn von der Liturgie der katholischen Ostkirchen die Rede ist, denken viele zuerst an den byzantinischen Ritus. Er ist unter den ostkirchlichen Traditionen am weitesten verbreitet und wird unter anderem in der ukrainischen, melkitischen und verschiedenen griechisch katholischen Kirchen gefeiert. Obwohl es auch andere ostkirchliche Riten gibt, konzentriert sich dieser Artikel auf den byzantinischen Ritus.
Wer zum ersten Mal eine byzantinische Liturgie besucht, merkt schnell: Hier wird der Glaube nicht nur erklärt, sondern sichtbar, hörbar und erfahrbar gemacht. Weihrauch gehört – wenn möglich – zu jedem Gottesdienst. Sein Duft erfüllt den Raum, während zahlreiche Ikonen im Licht der Kerzen erstrahlen. Gesprochen wird kaum: Sowohl Priester als auch Gemeinde singen nahezu alle Gebete und Lesungen.
In einer byzantinischen Kirche öffnen und schließen sich während der Feier die Königlichen Türen der Ikonostase; auch ein Vorhang wird zu bestimmten Momenten bewegt. Es gibt den Kleinen Einzug mit dem Evangeliar und den Großen Einzug mit den bereiteten Gaben. Für viele wirkt die Liturgie wie ein heiliges „Theaterstück“ – jedoch nicht im Sinne einer Aufführung, sondern als sichtbare Darstellung des göttlichen Geheimnisses.
Die Ostkirchen verstehen die Liturgie als reale Teilnahme an der himmlischen Welt. Himmel und Erde begegnen einander. Alles – Bewegung, Gesang, Licht, Gewänder und Gesten – trägt eine geistliche Bedeutung. Im Osten spricht man nicht von der „Heiligen Messe“, sondern von der „Göttlichen Liturgie“. Damit wird deutlich: Nicht der Mensch steht im Mittelpunkt, sondern Gott selbst, der handelt und gegenwärtig wird.
Die Liturgie beginnt mit dem feierlichen Ausruf des Priesters: „Gepriesen sei das Reich des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ Dieser erste Satz zeigt bereits das Verständnis der ostkirchlichen Liturgie: Das Reich Gottes ist nicht nur zukünftige Hoffnung, sondern beginnt schon jetzt mitten unter den Menschen. Die Liturgie ist Teilnahme an dieser himmlischen Wirklichkeit. Dabei steht nicht das Tun des Menschen im Vordergrund. Die Liturgie ist vor allem Gottes Werk am Menschen. Gott dient seinem Volk, schenkt seine Gegenwart, sein Wort und seine Gnade. Die Gemeinde antwortet mit Lobpreis, Gesang und Gebet.
Am bekanntesten ist die Liturgie des heiligen Johannes Chrysostomus, die an den meisten Sonntagen gefeiert wird. Daneben gibt es die Liturgie des heiligen Basilius des Großen (10 mal im Jahr) sowie die Liturgie der vorgeweihten Gaben, die ausschließlich in der Großen Fastenzeit gefeiert wird. In ihr findet keine Wandlung statt; stattdessen wird das am vorausgehenden Sonntag konsekrierte Lamm (Prosphore) ausgeteilt. Die Grundstruktur dieser Liturgien reicht bis in die ersten Jahrhunderte des Christentums zurück.
Die Liturgie ist reich an Symbolen:
Weihrauch steht für das Gebet, das zu Gott aufsteigt.
Kerzen erinnern an Christus, das Licht der Welt.
Prozessionen verweisen auf den Weg des Gottesvolkes und auf Christus, der mitten unter seinem Volk gegenwärtig ist.
Das Zentrum der Kirche bildet die Ikonostase, die Bilderwand mit den heiligen Ikonen. Sie trennt den Altarraum nicht einfach vom Kirchenschiff, sondern verbindet Himmel und Erde. Ikonen sind „Fenster zum Himmel“. Die Königlichen Türen in der Mitte der Ikonostase öffnen und schließen sich mehrfach während der Liturgie. Auch der dahinterliegende Vorhang wird bewegt. Diese Gesten sind bewusst gesetzt: Sie verweisen auf das Geheimnis Gottes, das sich offenbart und zugleich verborgen bleibt. Gerade dieses Zusammenspiel von Sichtbarkeit und Verborgenheit verleiht der byzantinischen Liturgie ihren besonderen Charakter. Sie will nicht alles erklären, sondern die Gläubigen in das Geheimnis Gottes hineinführen.
An dieser Stelle möchte ich einen persönlichen Eindruck schildern.
Während meiner Studienzeit in Eichstätt verbrachten wir als Gemeinschaft des Collegium Orientale unsere Exerzitien im Kloster Chevetogne in Belgien – einem einzigartigen Kloster, in dem die Mönche sowohl im lateinischen als auch im byzantinischen Ritus Gottesdienste feiern. Das 1925 gegründete ökumenische Benediktinerkloster widmet sich bis heute dem Dialog zwischen Ost und West und ist ein bemerkenswertes Zentrum christlicher Ökumene. Ein Besuch lohnt sich sehr!
Ein Mönch erzählte uns damals, wie er sich gerade durch die Feier des byzantinischen Ritus in die Liturgie des Ostens „verliebt“ habe. Anfangs habe die Liturgie für ihn wie ein geheimnisvolles „Theaterstück“ gewirkt – mit Prozessionen, Weihrauch, Gesängen und dem Öffnen und Schließen der Königlichen Türen. Doch gerade durch diese sichtbaren Zeichen habe er verstanden, dass die Liturgie nicht bloß erklärt werden wolle, sondern die Gläubigen in das Geheimnis Gottes hineinnehme.
Ein wichtiger Bestandteil der Liturgie ist die Gabenbereitung, die Proskomidie. Vor Beginn der eigentlichen Feier bereitet der Priester Brot und Wein am Seitentisch des Altarraums vor und gedenkt dabei Lebender und Verstorbener. Später werden die Gaben im feierlichen Großen Einzug durch die Kirche zum Altar getragen. Dieser Moment gehört zu den eindrucksvollsten der gesamten Liturgie und erinnert symbolisch an den Weg Christi zu seinem Sühnopfer am Kreuz.
Für viele westliche Christen ungewohnt ist die Stellung des Priesters: Er steht – gemeinsam mit der Gemeinde – zum Altar hin. Das bedeutet keine Abwendung vom Volk, sondern zeigt, dass Priester und Gläubige gemeinsam auf Gott ausgerichtet beten.
Auch die Körperhaltung spielt eine große Rolle. Viele ostkirchliche Kirchen besitzen keine oder nur wenige Bänke. Die Gläubigen stehen während großer Teile der Liturgie, bekreuzigen sich oder verneigen sich. Der ganze Mensch betet mit.
Ein römisch-katholischer Bischof, der während meiner Exerzitien in Italien an unserem byzantinischen Gottesdienst teilnahm, sagte anschließend schmunzelnd, er habe in seinem ganzen Leben noch nie in einem einzigen Gottesdienst so oft das Kreuzzeichen gemacht.
Fast die gesamte Liturgie wird gesungen. Instrumente gibt es nicht; die menschliche Stimme gilt als das schönste Instrument des Lobes Gottes. Der Gesang ist nicht bloß musikalische Gestaltung, sondern selbst Gebet. Schon die Kirchenväter sagten: „Wer singt, betet doppelt.“
Auch die Sakramente sind im byzantinischen Ritus eng mit der Liturgie verbunden. Besonders sichtbar wird dies bei der Aufnahme eines Kindes in die Kirche: Taufe, Firmung und Eucharistie werden gewöhnlich unmittelbar nacheinander gespendet. Bei Säuglingen wird ein Tropfen des konsekrierten Blutes Christi gereicht. Die Eucharistie wird im byzantinischen Ritus unter beiden Gestalten gereicht. Die konsekrierten Teile des eucharistischen Brotes werden in den Kelch gegeben und den Gläubigen mit einem kleinen liturgischen Löffel gespendet.
Auch die Feier der Ehe besitzt eine reiche Symbolsprache. Die Brautleute werden gekrönt – ein Zeichen ihrer gemeinsamen Berufung und ihres Weges vor Gott. Die Krönung erinnert zugleich an das königliche Priestertum aller Getauften und an die Würde der christlichen Ehe.
Die Krankensalbung wird vielerorts gemeinschaftlich gefeiert und nicht nur unmittelbar vor dem Tod gespendet. Sie ist ein Sakrament der Stärkung und Heilung und wird im Osten stärker als Sakrament des Lebens verstanden.
Die Liturgie des Ostens zeigt deutlich, dass der Gottesdienst mehr als eine Versammlung von Menschen ist. Der Gottesdienst ist Teilnahme am Geheimnis Gottes – ein Vorgeschmack des Himmels auf Erden.
Ich hoffe, dass es mir gelungen ist, Ihr Interesse für einen byzantinischen Gottesdienst zu wecken. Ich hoffe auch in naher Zukunft in unserem Pastoralen Raum die Göttliche Liturgie in deutscher Sprache zu feiern, damit alle, die Interesse haben, den byzantinischen Ritus kennenlernen können.
Ihr und euer Roman Horodetskyy, Pfarrer