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Von:Roman Horodetskyy, Pfr.
Liebe Leserinnen und Leser,
ich heiße Roman Horodetskyy, bin 31 Jahre alt, und viele von Ihnen hatten bereits die Möglichkeit, mich entweder bei persönlichen Begegnungen oder im Gottesdienst kennenzulernen. Ich bin seit dem 01.09.2022 als priesterlicher Mitarbeiter zunächst in der GdG Heimbach/Nideggen und anschließend im Pastoralen Raum Heimbach/Nideggen–Kreuzau /Hürtgenwald tätig. Diese Einsetzung macht jedoch nur einen Teil meiner priesterlichen Tätigkeit aus, da ich vor allem als Pfarrer für die ukrainischen Gemeinden in Aachen und Düren sowie als Seelsorger für die Ukrainer des byzantinischen Ritus im Bistum Aachen beauftragt bin.
Ich bin Priester der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche (im Folgenden: UGKK), die mit der römisch-katholischen Kirche in voller Gemeinschaft steht, und komme aus einer für viele vielleicht weniger vertrauten Liturgiefamilie. Die UGKK feiert ihre Gottesdienste im byzantinischen Ritus. „Der Ritus ist das liturgische, theologische, geistliche und disziplinäre Erbe, das sich durch die Kultur und durch die geschichtlichen Ereignisse der Völker unterscheidet und sich durch die eigene Art des Glaubenslebens einer jeden eigenberechtigten Kirche ausdrückt.“ (Codex Canonum Ecclesiarum Orientalium (CCEO), Can. 28 § 1)
Mein Studium als Priesteramtskandidat begann ich 2013 am Priesterseminar in Ivano-Frankivsk (Ukraine) und setzte es 2015 an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt fort. Im Wintersemester 2020/2021 schloss ich dort mein Magisterstudium der Katholischen Theologie ab. Von 2015 bis 2022 war ich Kollegiat am Collegium Orientale, einem internationalen und interkonfessionellen ostkirchlichen Priesterseminar der Diözese Eichstätt. Die Diözese Eichstätt hat zwei Priesterseminare: das Collegium Willibaldinum für römisch-katholische Priesteramtskandidaten und das Collegium Orientale, an dem Seminaristen, Diakone und Priester aus verschiedenen Ländern und unterschiedlichen katholischen und orthodoxen Ostkirchen studieren. Durch das Collegium Orientale hatte ich die Möglichkeit, den lateinischen Ritus näher kennenzulernen, da beide Priesterseminare in einem Gebäude untergebracht sind und eng kooperieren. So stehen Kollegiaten und Alumnen in ständigem Austausch und nehmen abwechselnd an den Gottesdiensten teil.
Viele von Ihnen wissen bereits, dass ich – anders als es in der römisch-katholischen Kirche üblich ist – ein verheirateter Priester bin und mit meiner Frau Oksana und unserer Tochter Sofia in Heimbach lebe. Wie Sie später noch erfahren werden, ist es in den meisten Ostkirchen der Regelfall, dass Priester vor der Diakonenweihe heiraten dürfen. Mein Vater ist ebenfalls Priester der UGKK und als Pfarrer in der Ukraine tätig.
Nach meiner Eheschließung im Mai 2020 empfing ich im Juni 2021 die Hypodiakonen- und Diakonenweihe und war anschließend ein Jahr Diakon im Collegium Orientale. Dort konnte ich auch in der Praxis meinen eigenen Ritus ausüben, bevor ich am 12. Juni 2022 in der Kathedrale Mariä Schutz und des Heiligen Apostels Andreas der UGKK in München die Priesterweihe empfing. Diese spendete mir Bischof Bohdan Dzyurakh, Apostolischer Exarch für die Ukrainer des byzantinischen Ritus in Deutschland und Skandinavien.
Im September 2022 übernahm ich meine Aufgaben als Seelsorger sowohl für die ukrainische Seelsorgestelle als auch für römisch-katholische Gemeinden.
Wenn wir von der „katholischen Kirche“ sprechen, denken viele zunächst an den römisch-katholischen Gottesdienst, an den Papst in Rom und an die vertraute Messfeier. Doch die katholische Kirche ist weit vielfältiger, als es auf den ersten Blick scheint. Zu ihr gehören neben der römisch-katholischen Kirche auch 23 katholische Ostkirchen. Deshalb habe ich mich nach einem Gespräch mit Pfarrer Wecker entschieden, Ihnen in einer kleinen Artikelreihe einen Einblick in die katholischen Ostkirchen zu geben – vor allem aber in meine Mutterkirche, die UGKK, die mit etwa 4,5 bis 5 Millionen Gläubigen die größte unter ihnen ist.
Diese 23 Ostkirchen sind voll katholisch: Sie stehen in eucharistischer Einheit untereinander und in voller Gemeinschaft mit dem Papst und bekennen denselben Glauben. Gleichzeitig besitzen sie eigene Liturgien, geistliche Traditionen, Kirchenordnungen und theologische Ausdrucksformen, die sich über viele Jahrhunderte entwickelt haben. Im Dekret Orientalium Ecclesiarum über die katholischen Ostkirchen lesen wir:
„Die heilige katholische Kirche ist der mystische Leib Christi und besteht aus den Gläubigen, die durch denselben Glauben, dieselben Sakramente und dieselbe oberhirtliche Führung im Heiligen Geist organisch geeint sind. Durch ihre Hierarchie zu verschiedenen Gemeinschaften zusammengeschlossen, bilden sie Teilkirchen oder Riten. Unter diesen herrscht eine wunderbare Verbundenheit, sodass ihre Vielfalt in der Kirche keinesfalls der Einheit Abbruch tut, sondern im Gegenteil diese Einheit deutlich aufzeigt.“ (Zweites Vatikanisches Konzil, Orientalium Ecclesiarum 2)
Heute gibt es 23 katholische Ostkirchen, darunter zum Beispiel die
– Maronitische Kirche (Libanon),
– Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche,
– Melkitische Kirche (Syrien)
– Syro-Malabarische und Syro-Malankarische Kirche (Indien),
– Chaldäische Kirche (Irak).
Die katholischen Ostkirchen sind christliche Kirchen östlicher Tradition, deren Wurzeln in den alten Patriarchaten von Jerusalem, Antiochien, Alexandria, Konstantinopel und Mesopotamien liegen. Sie sind aus denselben Quellen entstanden wie die orthodoxen Kirchen, haben aber im Lauf der Geschichte die volle kirchliche Gemeinschaft mit Rom bewahrt oder wiederhergestellt.
Ein wichtiges Prinzip lautet: Die katholische Kirche ist keine Einheitskirche, sondern eine Gemeinschaft von Kirchen. Alle katholischen Kirchen teilen denselben Glauben, dieselben Sakramente und dieselbe apostolische Grundlage. Doch sie leben diesen Glauben auf unterschiedliche Weise. „Dank der göttlichen Vorsehung aber sind die verschiedenen Kirchen, die an verschiedenen Orten von den Aposteln und ihren Nachfolgern eingerichtet worden sind, im Lauf der Zeit zu einer Anzahl von organisch verbundenen Gemeinschaften zusammen- gewachsen. Sie erfreuen sich unbeschadet der Einheit des Glaubens und der einen göttlichen Verfassung der Gesamtkirche ihrer eigenen Disziplin, eines eigenen liturgischen Brauches und eines eigenen theologischen und geistlichen Erbes.“ (Lumen Gentium 23.)
So unterscheiden sich etwa die Liturgie (z. B. die „Göttliche Liturgie“ statt der Messfeier), die kirchliche Disziplin (z. B. verheiratete Priester in vielen Ostkirchen) und die Spiritualität (stärker geprägt von Symbolik, Gesang und Fastenzeiten) deutlich von dem, was man im Westen gewohnt ist.
Oft werden katholische Ostkirchen mit orthodoxen Kirchen verwechselt. Das ist verständlich, denn äußerlich sind sie sich sehr ähnlich. Der entscheidende Unterschied liegt jedoch in der kirchlichen Gemeinschaft: Katholische Ostkirchen erkennen den Papst als sichtbares Zeichen der Einheit der Kirche an, während orthodoxe Kirchen nicht in voller Gemeinschaft mit Rom stehen (vgl. Lumen gentium 13–15).
Gleichzeitig sind katholische Ostkirchen ein lebendiges Zeichen der Nähe zwischen Ost und West. Sie zeigen, dass ostkirchliche Tradition und Gemeinschaft mit Rom kein Widerspruch sein müssen.
Papst Johannes Paul II. sprach davon, dass die Kirche mit zwei Lungen, der östlichen und der westlichen, atmet. Die katholischen Ostkirchen erinnern uns daran, dass der christliche Glaube von Anfang an vielfältig war – und dass diese Vielfalt kein Problem, sondern ein Reichtum ist.
In den kommenden Artikeln dieser Reihe wollen wir einige dieser Schätze näher betrachten: Geschichte, Liturgie, Spiritualität und das heutige Leben der katholischen Ostkirchen.
Ich wünsche Ihnen allen eine bereichernde Lektüre und hoffe, dass Ihnen dadurch die katholischen Ostkirchen näher und vertrauter werden.
Ihr und Euer Roman Horodetskyy, Pfr.