Von:Kurt Josef Wecker, Pfr.
Die Konservierungs- und Restaurierungsarbeiten im Chorraum der St. Johannes-Baptist-Kirche in Nideggen sind seit Ende März abgeschlossen. Die Apsis mit der Maiestas Domini erstrahlt in neuem Glanz. Und gegenüber – von der Gottesdienstgemeinde nicht einsehbar – kamen auf der Westseite des Triumphbogens beträchtliche Reste von Fresken ans Licht, die lange unter Kalk verborgen und von Malschichten aus späteren Zeiten überdeckt waren: Reste einer auf Wandmalerei gebrachten Gleichniserzählung. Jesu sperrige Parabel von den zehn „törichten und klugen Jungfrauen“ (Matthäus 25,1-13) wurden wiederentdeckt und freigelegt. Fragmente der stufenförmig dargestellten Gestalten der zehn klugen und dummen „Ehrenjungfrauen“, die auf den Hochzeitszug warten, sind auf dem westlichen Chorbogen gegenüber der Gestalt des thronenden Weltenrichters Christus zu sehen. Im Chorraum mit ihrer endzeitlichen Thematik sind sie Bestandteil einer Art Gerichtsdarstellung, wie man sie meist als Skulpturen am Westportal mittelalterlicher Kathedralen als moralische Warnung findet. Auf der südlichen Seite des Nideggener Triumphbogens sieht oder ahnt man die klugen Brautjungfern, die vorgesorgt haben und bereit sind für ihren Dienst; auf der nördlichen Bogenseite erkennen wir Ausschnitte der ‚dummen‘ Mädchen, deren unvorsichtiger Ölmangel dazu führte, dass sie am Ende ‚draußen bleiben mussten‘. Im Bogenscheitel erkennen wir eine besonders gut erhaltene schlafende, törichte Jungfrau, die ihr Haar bedeckt hat, anders als die klugen Frauen, die ihr blondes langes Haar offen tragen und in den erhobenen Armen die Lampen halten, um dem Bräutigam „heimzuleuchten“. Alle Frauen tragen modische, faltenreiche Kleidung. Christus gegenüber in der Apsis thront als der Bräutigam, der „Sponsus“ seines Gleichnisses, zugleich wie ein Herrscher und Richter.
Es ist ein kleines Wunder, wie viel von dieser gemalten Gleichniserzählung trotz unsachgemäßer Restaurierung vergangener Zeiten, des Zahns der Zeit und der Kriegsschäden erhalten geblieben ist.
Ich erinnere mich an das um 2000 nicht unumstrittene Erfolgsbuch von Ute Erhardt: „Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse überall hin“. Die Brautjungfern mit ihren brennenden oder erloschenen Lampen stehen für zwei Wege und Möglichkeiten: für die Vorbildlichen und für die Verschlafenen, für den Gegensatz von Klugheit und Torheit, von Menschen, deren Lampen für Christus brennen oder die vergesslich und zerstreut das ‚schnelle Glück‘ suchen und am Ende öllos und ausgesperrt dastehen. Die Flamme der Aufmerksamkeit für den entgegenkommenden Herrn kann erlöschen.
Die freigelegte Darstellung konfrontiert uns wie die Apsis mit den ‚letzten Dingen‘, dem Jüngsten Gericht, dem Ernst unserer Lebensentscheidung, den fatalen Folgen meiner Unaufmerksamkeit und unserem adventlichen Warten auf die Wiederkunft des Herrn. Das im Scheitelpunkt des Bogens dargestellte schlafende Mädchen ermuntert nicht zum zuweilen „gesunden Kirchenschlaf“, sondern steht für die dunkle Möglichkeit: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben …“ Schläfrig und unvorbereitet kann ich die große Gelegenheit der Ankunft des fernnahen Jesus Christus verpassen und die Gegenwart Gottes verschlafen. Wir hoffen, dass der gnädige Richter auch die leeren Hände füllt und mich oft Müden und Verschlafenen zulässt und einlässt in Sein Fest!
Die freigelegten Fresken und die frisch restaurierte Apsis sind wie ein gemalter Weckruf! „Wachet auf, ruft uns die Stimme …“ (Gotteslob 554). „Jetzt ist die Zeit, jetzt ist die Stunde …“ (Gotteslob 742). „Dann gehen wir dem Himmel entgegen und alle gehen mit …“ (Wilhelm Willms).
Die wieder freigelegten Wandmalereien ergänzen das eschatologische Programm der Apsisbilder, wecken unseren Glauben an die Wiederkunft des in der Eucharistie Gegenwärtigen, an den ‚zweiten Advent‘ Jesu Christi. Die klugen Jungfrauen lenken unseren Blick ‚nach oben‘: „Sursum corda!“ „Empor die Herzen!“ Und Augen! Mit den aufmerksamen Mädchen schauen wir mit wachen Augen nach Osten, auf die wunderbare Apsis, in den offenen Himmel – als werde mit diesem Bild der Spalt in den himmlischen Hochzeitssaal geöffnet, der uns bereits im Hier und Jetzt auf dem Altar sein eucharistisches Mahl bereitet.
Herzliche Einladung zu einem festlichen Gottesdienst am 10. Mai 2026 um 9.30 Uhr in der Pfarrkirche Sankt Johannes Baptist, in dem wir auch den Verantwortlichen – Spender und Wohltäter, Architekt, Restauratorinnen und Restauratoren, Verantwortliche der Kunst- und Bauabteilung des Bistums, Kirchenvorstand - Dank sagen wollen.
Im Anschluss daran ist eine kleine Führung angeboten, und Sie haben die Möglichkeit, sich dieses „Wunder von Nideggen“ aus der Nähe anzuschauen. Ich denke, diese Apsis und die nun behutsam freigelegten und konservierten Fragmente der Wandmalereien - wohl wie die ‚Maiestas Domini‘ in der Apsis aus dem 13. Jahrhundert - sind die bedeutendsten gottlob erhaltenen spätromanischen Kunstwerke aus dem Mittelalter in unserem Pastoralen Raum.
Dankbar bin ich Herrn Siegfried Schröder aus dem Kirchenvorstand von St. Johannes Baptist, der dieses Projekt und den Prozess der Gesamtrestaurierung der Pfarrkirche so engagiert begleitet und vorangetrieben hat.
Kurt Josef Wecker, Pfr.