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So ähnlich würde uns Paulus vermutlich ansprechen. Er spricht seinen Gemeinden Gottes Heiligkeit zu.
Allerheiligen ist neben Ostern und Mariä Himmelfahrt mein Lieblingsfest im Kirchenjahr. Leben Sie mit einem Heiligen auf Du und Du? Können Sie mit Heiligen etwas anfangen? Mit Menschen, durch die hindurch eine andere Welt schimmert. Heilige sind Gottes Influencer, Menschen, die mich aus meiner Gottvergessenheit reißen und die ein bisschen mehr den Übermut des Glaubens wagten und lebten als unsereins. Womöglich will ich mit Heilligen und anderen Exoten und Heroen des Himmels in Ruhe gelassen werden … Sie sind auch Unruhestifter, Störenfriede. Ich ahne, wenn ich mich auf solche von Gott gepackten Menschen einließe, brächten sie Unruhe in mein Leben. Sie erinnern mich an das, was mir womöglich fehlt, an meine größeren und ungenutzten Möglichkeiten. Und sie wollen mich anstecken mit ihrer Aufmerksamkeit, ihrer Sehnsucht nach dem Himmel und nach Gottes Herrlichkeit. Sie nötigen mich zum Eingeständnis: Ich habe es mir in meinem Christentum bescheidener eingerichtet. Nur nichts übertreiben! Zu Allerheiligen und in der Feier der großen Lichtgestalten, gerade des dunklen Novembers, werden wir auf Menschen aufmerksam gemacht, die nicht ihre Ruhe haben wollten. Wir werden konfrontiert mit dem heilig-heißen Gott, der unruhig macht. Ein Heiliger fällt nicht vom Himmel, ist auch nicht von der Wiege an oder von Natur aus heilig. Ja, wer hat einen Heiligen heilig gemacht? Die Kirche? Gibt es eine Art katholische ‚Stiftung Warentest‘, wo sich besonders Qualifizierte nach einem aufwändigen ‚TÜV‘-Durchlauf Heilige nennen dürfen, quasi eine katholische „Heiligenfabrik“ (so nennen Römer augenzwinkernd die „Kongregation für das Heiligsprechungs-verfahren“), die besonders fromme Exemplare der Gattung Mensch zur Ehre der Altäre hievt und heilige Instanzen schafft? Ein Heiliger ist ja kein spiritueller Gipfelstürmer. Ich kann mir einen Heiligen nur als ein ‚Meisterwerk‘ Gottes vorstellen. Und darum stimmt irgendwie auch die Behauptung, dass ein Heiliger vom Himmel fällt. Woher auch sonst ist eine solche Erscheinung erklärbar? Sonst wäre ein Heiliger ein Tugendprotz, ein spiritueller Muskelprotz oder ein besonders asketischer Moralapostel. Und solche Heiligen sind langweilig. Dazu gibt es ja noch die unangenehmen eingebildeten Personen, die wir die „Scheinheiligen“ nennen, Personen, bei denen irgendetwas nicht stimmt. Und doch gibt es sie ‚in echt‘. In Wahrheit: Heilige, deren gutes Verhältnis zum heiligen Gott auch auf sie selbst abgefärbt ist. Menschen, die eines Tages spürten: Wir haben gar keine andere Wahl, als vor, bei und mit Gott zu leben. Die Schar der Heiligen - eine seltsam bunte Gesellschaft Jesu, manchmal fast bizarr, abgehoben und verrückt, keine abgehobene Elite, sondern ein buntes Mosaik derer, die sich als Gottesfreundinnen und Gottesfreunde begreifen und wie in einem Kaleidoskop das Gotteslicht brechen – als „Sterne, die im Dunkel des Egoismus leuchten“ (Papst Leo XIV. am 16. September 2026).
Aller-Heiligen. Gott hat mehr Platz als unsere Kalender und das löchrige Gedächtnis der Kirche. Der heilige Gott will nicht mit sich allein sein. Er duldet, dass es zwischen Ihm und uns etwas gibt, dieses „heilige Dazwischen“, diese ‚Zwischeninstanzen‘, die wir an diesem herbstlichen Osterfest Allerheiligen feiern. Und er duldet darum auch, - gewissermaßen augenzwinkernd -, dass diese Personen uns zuweilen von Ihm, dem heiligen Gott und der Quelle aller Heiligkeit, ein wenig ablenken. Er erlaubt, dass wir sie anrufen, statt uns sofort an Ihn zu wenden, dass wir nicht den direkten Draht zu ihm suchen, sondern schöne „Umwege“ gehen, wenn wir zu Gräbern, Gnadenbildern und Knochen der Heiligen pilgern. Er weiß, dass wir während unserer Friedhofsgänge zu Allerseelen Ausschau halten nach heiligen Freundinnen und Freunden unter unseren Toten und uns zutiefst ein Wiedersehen mit ihnen wünschen, mit den in Gott Verewigten. Im Haus Gottes gibt es viele Wohnungen. In Gottes Heiligenhimmel gibt es kein Raumproblem und kein Vergessen und Auslöschen. Wenn wir an den Gräbern unserer Lieben stehen oder deren Fotos betrachten, dann tauchen liebe Weggefährten auf, auf denen ein unerklärlicher Glanz liegt; keine großen Namen, keine überragenden Leistungen, auch keine ekstatische Frömmigkeit. Gesichter von Menschen aus unserem Nahbereich, die uns erschüttert und ‚beseligt‘ haben und vielleicht nur für einen einzigen Augenblick Gott ahnbar machten. Weggefährten auf Zeit, deren Lebenszeugnis uns tief beeindruckt hat. Sie konnten sich so radikal zurücknehmen oder – um das große Wort zu gebrauchen – haben sich ‚aufgeopfert‘ und ‚verzehrt‘ für dich und für mich. Herrlich selbstvergessene Existenzen, die nie im Scheinwerferlicht der kirchlichen Öffentlichkeit standen und kaum Beifall oder Dankesworte zu hören bekamen! Unauffällige Erscheinungen, die auch der Kirche mit all ihren Heiligsprechungsinstanzen nie auffielen. Gesichter, Personen, die uns heute helfen zu leben. Gott übergeht sie nicht. Diesen Gott, der heilig ist und heilig macht, bekunden wir Allerheiligen und Allerseelen, an diesen beiden ‚Sammelfesten‘, wo wir kühn den Kreis nicht zu eng ziehen und den Gott der Fülle preisen, den Gott, dessen Osterglanz ausstrahlt auf die, die auf seinen heiligen Ruf Resonanz gaben mit ihrem ganzen Leben.
Allerheiligen. Wir feiern Heilige, über die längst Gras gewachsen ist und über die die (Kirchen-)Geschichte hinweggegangen ist, wahre Goldstücke in der Masse des Menschengeschlechts, Nothelferinnen und Lebensretter am Rand meiner Lebensreise. Wir gedenken ihrer, weil wir ohne sie ärmer und unheiliger wären. Menschen, die Gott liebten ohne große Worte, die mit absichtsloser Güte Gutes taten, ohne den moralisch erhobenen Zeigefinger zu erheben. Es bedarf schon einer gesteigerten Aufmerksamkeit und eines ‚Sammelfestes‘ wie Allerheiligen und Allerseelen, dass wir sie uns im Osterlicht vorstellen: diese Heiligen meines Lebens. Sie leben jetzt beim heiligen Gott und setzen sich bei Ihm für uns ein. Sie winken uns zu und helfen uns, durchsichtiger und deutlicher als Christenmenschen zu leben und an den Ruf zur Heiligkeit zu glauben, der uns alle ereilt hat. Sie sind der schönste Gottesbeweis und retten die Kirche in ihrer Krise; sie sind die wahren Reformatoren einer glaubwürdigen und auf Gott hin durchsichtigen Kirche. Sie geben uns Orientierung, wenn wir auf dem Holzweg sind und den Kompass des Glaubens verloren haben. Ohne Gott kann der Mensch nicht heilig werden und bleiben. Er sucht heute Mitliebende.
Und vielleicht - vielleicht bin ich es, bist du es, der Gott fehlt in der bunten Schar seiner Heiligen? Werden später einmal Menschen an uns denken, wenn sie Allerheiligen und Allerseelen feiern?
Ihnen und Euch einen lichtreichen und heilen November!
Kurt Josef Wecker