Mit 36 Pilgern – Messdiener unseres Pastoralen Raums und ihre Begleiter - reisten wir im Juli per Reisebus und Nachtfahrten nach Rom und Assisi. Es war hoffentlich für alle eine eindrucksvolle Reise. Durch die Busfahrt konnten wir uns bewusst vorbereiten auf das Ziel und die schönen Landschaften Mittelitaliens bestaunen. Untergebracht waren wir in sauberen und gut klimatisierten kleinen Bungalows auf einem ruhigen römischen Campingplatz in Stadtnähe. Wir haben der anstrengenden Julihitze getrotzt. Rom ist eine wasserreiche, überfließende Stadt und stellt gratis immer zugängliches frisches (zum Teil sogar mit Kohlensäure versetztes) kühles Wasser aus unzähligen gusseisernen Brunnen zur Verfügung. Sie heißen im Volksmund „Nasoni“, wegen ihrer nasenförmig gebogenen Ausflussrohre. Dieses Wasser hat uns vor dem Verdursten bewahrt und half, unseren Geldbeutel zu schonen. Im schön herausgeputzten Rom, nach dem Heiligen Jahr, haben wir die vier großen Papstbasiliken mit den Gräbern der Heiligen Paulus und Petrus besucht, waren unterwegs auf einigen der ‚sieben Hügel‘, sahen das Forum Romanum, die Triumphbögen und das Colosseum, stiegen hinab in eine Katakombe, standen auf der Via Appia, hielten inne am Grab des hl. Sebastian, feierten die hl. Messe in S. Pudenziana - da, wo Petrus vielleicht mit der frühen Gemeinde zusammenkam -; wir waren auch auf der Engelsburg, entdeckten die großen Plätze, Brücken, Paläste und Treppenanlagen, machten Halt im jüdischen Ghetto und erlebten die Tiberinsel mit dem Tiberufer, wo ein sommerlicher Jahrmarkt eine bezaubernde abendliche Atmosphäre schuf. Auch Roms vielleicht beste Eiscafés „Gioletti“ und „Tre scalini“ haben wir aufgesucht und die Köstlichkeiten probiert. Im touristischen Hotspot Trastevere haben wir zu Abend gegessen.
Und dann auf der Rückreise der große Gegensatz: Wir machten Halt in der Bergstadt Assisi in Umbrien. Es war ein Glücksfall, dass uns dieser Besuch möglich war im Jubiläumsjahr von Franziskus, der am 3. Oktober 1226, also vor 800 Jahren starb. Einige Stunden waren wir zu Gast in einer der schönsten Städte Italiens, der Heimatstadt des Heiligen. Wir haben dessen Grab besucht, auch das Grab der heiligen Klara; in einer uralten Kirche haben wir Eucharistie gefeiert; einige waren am Grab des hl. Carlo Acutis, des 15jährigen Jungen, der 2005 starb und besonders von der Jugend Italiens verehrt wird.
Zuerst Rom, dann Assisi, - ein Spannungsbogen und ein geistlicher Prozess, dem das Christentum vielleicht seinen Fortbestand verdankt: die gewaltige Spannung zwischen der römischen Lateranbasilika und der winzigen und eigenhändig von Franziskus restaurierten Portiunkula-Kapelle - die Papst Leo Anfang August besucht hat -, zwischen der machtvoll strukturierten Kirche und dem evangelischen Geist der Armut. Bis heute besteht diese Spannung, die sich auftut zwischen Rom und Assisi, diesen Orten des ohnmächtigen Minoriten und der Lateranbasilika des mächtigen Papstes Innozenz III.
Im September vor 802 Jahren widerfuhr Franziskus etwas buchstäblich Eindrucksvolles. Kreuzerhöhung ist für die Franziskaner bis heute ein besonderer Tag: der Tag der Stigmatisierung des Franziskus am 14.9.1224 auf dem heiligen Berg La Verna. La Verna ist der heilige Berg Italiens, einer der Lieblingsorte des hl. Franziskus, in der Toscana, 120 km nördlich von Assisi.
Während einer Vision – die geheimnisvolle Erscheinung eines sechsflügeligen Engels am Kreuz - empfing er die Wundmale, wurde der, der Jesus durch sein Leben so zum Verwechseln ähnlich sah, Christus ähnlich. Das Leid Jesu bildete sich ein in Haut und Seele des Heiligen. Unfassbar für Außenstehende ist dieses ‚Passionsdrama‘, eine solche unmittelbare brennende Begegnung mit dem heiligen Gott.
Heilige fallen nicht vom Himmel, sie werden von Ort und Zeit geprägt. Sie haben ihre Landschaft. Und das gilt vorrangig für diesen Heiligen. Es gibt eine Wechselwirkung heiliger Mann – heiliges Land. Kein Wunder, dass Francesco hier zum großen Nachfolger Jesu wurde, im grünen Herzen Italiens. Ein solches Land färbte auf ihn ab; und ohne diese Landschaft gäbe es vielleicht den Heiligen nicht so, wie er uns heute begegnet. Der Mann war mit Leib und Seele Resonanzkörper für Gottes Ruf. Mit leisen Sohlen ging er als Pilger und Fremdling durch seine mittelitalienische Welt, aber auch die weiten Wege hinauf nach Norditalien, hinunter nach Rom, in den Orient, nach Ägypten und vielleicht nach Palästina 1219.
Franziskus war ein Mann, barfüßig unterwegs, unterbrochen und umgeleitet von Gottes Ruf, ein Mensch langer Wege, ein Schatzsucher, verliebt in Jesus. Er nahm das Evangelium wortwörtlich und entdeckte den kleinen, nackten, zerbrechlichen Jesus neu. So wurde er dem Nazarener ähnlich, der durch Galiläa ging. Galiläa ist landschaftlich Umbrien verwandt: der ‚galiläische Frühling' wurde sprichwörtlich für die hellen Seiten des Jesusweges und auch die erste, glückliche Phase des von Christus bekehrten Francesco. Die Landschaft ist zugleich Ausdruck der Lieblichkeit und der Härte des Franziskusweges. „Er trug Jesus überall“, sagte ein Biograph. Entscheidendes im Franziskusleben fand ‚draußen' statt. Franziskus, der Vogelprediger, umarmte die Schöpfung.
Ich plane im nächsten Jahr eine 8-tägige Buspilgerreise nach Umbrien auf den Spuren des heiligen Franziskus: vom 09.06.2027 bis 16.06.2027. Genauere Informationen später.
Ihnen und Euch einen schönen Spätsommer!
Kurt Josef Wecker