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Vor einiger Zeit besuchte ich in einem unserer Seniorenheime eine uralte blinde, doch geistig hellwache und zugleich extrem lebensmüde Frau. Sie und ihr Neffe baten um mein Kommen. Vor der Feier der Krankensalbung unterhielt ich mich mit einem sie pflegenden Verwandten über alles Mögliche, über Gott und die Welt, über Rom und den Papst, übers Wetter und über den Pflegenotstand in Deutschland. Da unterbrach die Frau unser ‚Palaver‘ zu Recht und forderte: Ich möchte jetzt beten und etwas über den Himmel hören. Pastor! Ich möchte in den Himmel. Ich bin so müde und möchte nach Hause gehen, endlich, ich bin so lebensmüde, todmüde. Erzählen Sie mir etwas vom Jenseits. Ungesagt klang das durch: Sonst können Sie gehen. Hören Sie auf, mir all diese diesseitigen Dinge aufzutischen! Malen Sie mir Bilder der Hoffnung, des Trostes! Und lassen Sie diese Sprüche, die da lauten: „Das wird schon wieder!“ Oder: „Alles wird gut!“ Nein: Ich möchte zu dir, Jesus. Und Sie als Kirchenvertreter sollen mir diese Hoffnung stärken!
Die Frau hatte recht. Sie rief mich zur Ordnung. Denn was interessiert einen Menschen, der sich buchstäblich auf der Brücke zwischen Zeit und Ewigkeit befindet, der Kirchenkram und das Gerede des Alltags. Ich möchte in den Himmel. Doch dieser Himmel macht uns inzwischen ziemlich sprachlos und verlegen. Und vielleicht denken Sie: Habe ich im Urlaubsmonat August, wo wir der schönen Schwester Erde treu sind und der blaue Himmel am Strand oder über den Bergen oder über unserer Eifelheimat lockt, kein anderes Thema? Mache ich mich inzwischen lächerlich mit diesem Thema? Soll uns eine weltzugewandte Kirche mit diesem abgestandenen Thema auf den Wecker gehen? Sollen wir den Himmel nicht lieber den Engeln und den Spatzen überlassen, wie Heinrich Heine bissig bemerkte. Ja, es wirkt rückständig und abgehoben, dass wir von diesem fernnahen Himmel sprechen, in den uns Maria vorausgegangen ist und der unsere Heimat sein will, eine Heimat, in der noch niemand von uns war und der doch hoffentlich das Ziel unserer Lebensreise sein wird. Entpuppe ich mich als ein Ewiggestriger? Ich weiß ja um die unangenehme Wahrheit, dass sich der Glaube an den Himmel aufzulösen beginnt oder Ersatzformen findet. Christi Himmelfahrt und Mariä Himmelfahrt sind Brauchtumsfeste, teilweise willkommene arbeitsfreie Tage. Für alles Mögliche haben wir in unseren Gesprächen Platz, nur nicht dafür. Ja, im Alltagsgeschäft gerade auch der ‚Himmelsagentur‘ Kirche bleibt dieser Himmel auf der Strecke. Er ist so fern, so abstrakt, so unvorstellbar, schwammig, vielleicht befürchten wir auch: so verzichtreich und langweilig, ein ewiges farbloses Einerlei. Der Himmel macht ratlos: Im Himmel hätte nämlich auch die Kirche nichts mehr zu sagen und zu machen. Im Himmel ist die Kirche überflüssig. Der Himmel, in den Christus ‚gefahren‘ ist und den er seiner Mutter Maria geschenkt hat, ist himmelweit von unserem Alltagsgeschäft entfernt, auch wenn wir alle nur einen Herzschlag weit – so hoffen wir - vom Himmel entfernt sind. Es wäre tödlich für unseren Glauben, ließen wir uns die schöne Aussicht auf den Himmel nehmen und durch selbstfabrizierte Surrogate ersetzen. Es muss doch einen Ort geben, wo das Schöne bleibt und nicht altert und in dem all die Menschen, die wir im Tod aus den Augen verloren haben, gerettet sind!? Prüfen wir uns: Ist der Himmel noch mein Hoffnungshorizont? Ist der Himmel mein Fernreiseziel? Oder ist meine Hoffnung abgemagert, diese Sehnsuchtsantenne in mir abgeknickt oder gar nicht mehr vorhanden? Ohne den Himmel zöge ein kalter Hauch durch unser Leben. Dann bliebe uns nur das leere, kalte, unendlich lebensfeindliche Weltall.
Viele Zeitgenossen, auch Christen, leben wunschlos glücklich auch ohne Himmel, ohne die schöne Aussicht, ganz nahe bei Gott zu sein, ohne diese Weite und Helle und diesen Raum, den Gott uns gibt und in den ich mich mitbringen darf - mit all dem Guten, was mich ausmacht. Ich weiß, dass inzwischen die Mehrheit der Menschen im Westen auch ohne Himmelshoffnung ein glückliches Leben führen kann. Sie lassen sich den Himmel nicht einreden. Für uns, die wir in der Kirche die Geheimnisses des Glaubens feiern und in den Sakramenten den Vorgeschmack des Himmels empfangen, ist nur schwer einzusehen, dass für so viele unter uns der Himmel unmerklich aus ihrem Hoffnungshorizont verschwunden ist, dass der Himmel auch nicht vermisst wird und dieser Verlust keinen Schmerz verursacht. Das Leben im Diesseits geht, so lange es gut geht, lebenswert weiter. Holen wir aus dem Leben im Hier und Jetzt das heraus, was möglich ist. Was bleibt an christlicher Hoffnung, wenn nichts fehlt, wo der Himmel fehlt. Ich bin nicht mehr „ himmelsbedürftig“, sagen sich manche im Stillen. Lassen Sie mich in Ruhe mit dem Himmel. Komm mir nicht mit dem Himmel. Für den Himmel bin ich zu jung, zu beschäftigt, zu erdverbunden. Gott. Ich bin zu müde für den Himmel, gestand depressiv der tiefgläubige Reinhold Schneider in seinem „Winter in Wien“. Man winkt dankend ab. Wir haben anderes zu tun und wollen anderes erreichen.
Ich liebe das Fest Mariä Himmelfahrt, das Sommerostern. Denn ich möchte mir den Glauben an den Himmel nicht zerstören oder verwässern lassen. Im Deutschen und Italienischen gibt es ein und dasselbe Wort für den blauen oder grauen Himmel des Kosmos und den goldenen Himmel der Himmelfahrt Christi und Mariens: Himmel und cielo. Im Angelsächsischen ist man genauer und unterscheidet zwischen sky und heaven.
Mir gefällt diese Unschärfe im Deutschen: dass wir bei uns nur ein Wort für etwas sehr Verschiedenes haben, damit wir den blauen oder nächtlich schwarzen Himmel (sky) über uns, den wir mit Fernrohren abtasten, und den goldenen Himmel Gottes nicht zu sehr auseinanderreißen: das kleine Himmelsglück, das wir schon hier nicht nur in Ferien- und Urlaubstagen erleben und das Neue, das im ‚heaven‘ auf uns wartet. Halten wir zusammen, was zusammengehört! Nehmen wir die Vorerfahrungen, die man hier und jetzt machen kann, als Vorgeschmack, als kleine Himmelfahrten. Darum werden zu Mariä Himmelfahrt die Kräuter gesegnet, die Schönheit der Erde gefeiert, ein kleines Erntedank vorweggenommen. Darum besingt Franziskus im Sonnengesang die Schönheit des Himmelsgestirns Sonne. Während die Kirche oft verschämt vom Himmel schweigt, hat er in der Werbung, der Schlager, der Sprache der Liebe Hochkonjunktur, da, wo man sich bei Traumerlebnissen im siebten Himmel wähnt und uns versprochen wird, dass wir selbst beim Verzehr eines Joghurts oder dem Schnuppern eines himmlisch duftenden Parfüms ein kleines Diesseitsglück erleben können. Viele erfahren die „schönsten Tage im Leben“ (Erstkommunion, Hochzeit) als himmlisch oder bringen zu Recht Höhepunkte des Daseins mit dem Himmelsglück in Verbindung: die Sonnenuntergänge hier oder während einer Fernreise, ein köstliches Essen, eine himmlische Musik, die schöne Aussicht, eine Begegnung mit jemanden, von dem wir sagen: „Dich schickt der liebe Himmel…“. Wir zehren von diesem kleinen himmlischen Augenblick schon hier und jetzt und fragen uns: Brauchen wir Gott und seinen Himmel zu unserem Glück? Ist das noch überbietbar? Reichen uns die irdischen Vorwegnahmen, die Vororte des Himmels, seien es Pilgerorte wie Heimbach oder majestätische Berggipfel oder tolle Strände oder das Museumsglück oder ein Opernabend, also die Himmelsspuren, die wir auf Erden legen oder entdecken? Viele Zeitgenossen werden durch anderes angeregt, als von einer unstillbaren Himmelssehnsucht und wollen es sich gar nicht einreden lassen, dass sie darüber hinaus einmal Himmelsbürger sein werden und hier nur Gast sind auf dieser schönen (und für viele auch schrecklichen) Welt. Was aber bliebe von einer Kirche, die sich scheut, die „letzten Dinge“ beim Namen zu nennen? Warum fällt es uns, mir so schwer, davon zu sprechen? Auch die Kirche wäre irgendwann nur ein Verwaltungsraum, eine Animateurin für Freizeit und spirituelle Geselligkeit. Doch sie ist in ihren schönsten Vollzügen ein Vorhof des Himmels. Gerade zu Maria Himmelfahrt orientiert sie das Navi der Menschen auf dieses Ziel hin und bezeugt einer himmelsmüden Welt solch unerhörte Dinge, wie die Aussicht auf die Vollendung in der Umarmung Jesu Christi. Der Himmel ist kein Produkt der Kirche, und es gibt auch keinen „katholischen Himmel“. Die Kirche hält die Erinnerung wach, dass wir zu Höherem berufen sind und eine „Quelle des Lebens“ sprudelt, die „in der Höhe“ entspringt, aus der wir hier schon trinken dürfen. Wir von einem verborgenen Gott umgeben von allen Seiten, der Himmel in Person, der uns schon jetzt auf den Leib und in die Seele rückt. Die Nachfolge Jesu ist ein Abenteuer, aber kein Himmelfahrtskommando: kleine Pilgerschritte der Hoffnung Richtung Himmel, ohne falsche und verschämte Bescheidenheit. Wir leben alle Richtung Himmel, ob wir es wissen oder nicht. Uns steht der endgültige „Aus-Flug in Gott“(Gottfried Bachl) bevor, in den unvorstellbaren Lebensraum, der alles Irdische sprengt. Der Himmel lockt uns nicht weg vom Erdenleben, von der Freude am Hiersein, aber er ist der Ort, den wir zutiefst denen wünschen, die in dieser Welt keinen Sommer mehr haben. „Pilger der Hoffnung“ bleiben wir auch nach dem Heiligen Jahr! Ziehen wir den Radius der Hoffnung nicht zu eng. Marias Fernreise in den unendlich nahen Gott und seinen Lebensraum gibt unserer Hoffnung die Richtung vor.
Ihnen und Euch einen erholsamen Urlaubs- und Sommermonat August und viele ‚himmlische Augenblicke‘
Ihr und Euer Pfarrer
Kurt Josef Wecker